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Der große Diktator

Ein Theaterstück nach dem Film von Charlie Chaplin

Inhalt

1940 kam Charlie Chaplins erster Tonfilm in die Kinos. Gegen alle Widerstände realisiert, wurde „Der große Diktator“ zu einem seiner größten Erfolge. In der Doppelrolle als megalomaner Diktator und liebenswürdiger jüdischer Friseur, der aufgrund seiner physischen Ähnlichkeit mit dem „Führer“ verwechselt wird, entzauberte Chaplin die demagogischen Strategien Hitlers und gab dessen größenwahnsinnige Ambitionen der Lächerlichkeit preis. 

Nicht nur in ihrem Erscheinungsbild waren sich Chaplins Kunstfigur, der „Tramp“, und Adolf Hitler frappierend ähnlich; viele seiner Zeitgenossen verharmlosten Hitler als Clown, als nicht ernst zu nehmende Witzfigur. Von dieser folgenreichen Fehleinschätzung zeugt stellenweise auch „Der große Diktator“ – bei aller Schärfe und Präzision, mit der der nationalsozialistische Machtapparat darin parodiert wird. „Hätte ich etwas von den Schrecken in den deutschen Konzentrationslagern gewusst“, wird Chaplin später in seiner Autobiographie einräumen, „ich hätte ‚Der große Diktator‘ nicht zustande bringen, hätte mich über den mörderischen Wahnsinn der Nazis nicht lustig machen können.“ 

Mit diesem Wissen im Gepäck, ist die Inszenierung nicht an einer simplen Reproduktion der filmischen Vorlage interessiert, sondern sucht nach einer künstlerischen Auseinandersetzung auf der Höhe unserer Zeit, die nicht zuletzt eine Zeit erstarkender rechtsnationaler und antisemitischer Tendenzen sowie populistischer Verführungsstrategien ist. Die Diskrepanz zwischen filmischer Darstellung, historischer Wahrheit und zeitgenössischem Wissen befeuert die Auseinandersetzung mit einem Meisterwerk der frühen Tonfilmzeit zwei Generationen nach dessen Entstehung. 

Die Regisseurin Clara Weyde inszenierte in der vergangenen Spielzeit das im Rahmen der Autorentheatertage am Deutschen Theater Berlin uraufgeführte Stück „ruhig blut“ von Eleonore Khuen-Belasi, das in Graz in HAUS ZWEI zu sehen war, und arbeitet hier erstmals in HAUS EINS.

 

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Altersempfehlung: 14+

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Inhaltliches Warm-up
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Fünf Fragen zu großen Diktatoren im Film, auf der Bühne und im Leben an die Regisseurin Clara Weyde

Wenn Du die Möglichkeit hättest, ein Interview mit Charlie Chaplin zu führen, was würdest Du ihn fragen?

Ich würde ihn fragen, ob er Verständnis hat für die zwei Arbeitslosen, die 1978 seinen Sarg entführten, um Lösegeld zu erpressen.

Vielleicht hätte es ihn amüsiert. Seine Enkelin jedenfalls sagt, das sei ihr wie ein letzter Chaplin-Gag aus dem Grab heraus vorgekommen.

Charlie Chaplins „Großer Diktator“ hatte vor 80 Jahren Premiere, fünf Jahre vor Ende des Zweiten Weltkrieges. Was interessiert Dich als Regisseurin heute an dem Stoff?

Für die Bühne interessiert mich die Auseinandersetzung mit Despot*innen und mit der Inszenierung von Macht vor dem Hintergrund der gegenwärtigen gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen, insbesondere der Frage, wie in Österreich und Deutschland mit dem Erbe des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkrieges umgegangen wird. Zudem ist es natürlich eine große Freude, mit einem Werk zu arbeiten, das in Spielweise, Form und Wirkungsästhetik derart reich, präzise und virtuos ist wie „Der große Diktator“.

Wie lässt sich der Stoff für die Bühne neu erfinden?

Den Film möglichst detailgetreu für die Bühne zu kopieren ergibt für mich keinen Sinn. Stattdessen muss es darum gehen, unsere heutige Situation und Perspektive auf den Film sowie die historische Realität zu bedenken und szenisch mitzuverhandeln. Chaplin kannte das ganze Ausmaß der Verbrechen der Nationalsozialisten nicht. Wir tun es – und das verpflichtet uns Theaterschaffende, die sich an Chaplins Meisterwerk heranwagen, jeglicher Form der Verharmlosung des Nationalsozialismus, seiner realen Akteur*innen sowie seiner geistigen Grundlagen mittels Satire und Spielfreude entgegenzutreten.

Ist es in Ordnung, über einen Massenmörder zu lachen?

Ja natürlich, auf jeden Fall! Heute sind wir da zwar an einem völlig anderen Punkt als Chaplin, als er den „Großen Diktator“ gedreht und damit filmisch etwas Neues erschaffen hat. Es gibt mittlerweile viele Werke, die sich humorvoll mit Hitler und dem Nationalsozialismus beschäftigen. Mir scheint dabei jedoch nach wie vor das Entscheidende, dass sich eine Satire nicht über die Opfer lustig macht. Sie muss in der Auswahl ihres „Feindes“ genau und in ihren Mitteln geschmackssicher sein. Dann ist sie das Werkzeug der Wahl, um sich mit Größenwahnsinnigen, Despot*innen, Manipulator*innen und eitlen Selbstdarsteller*innen auseinanderzusetzen und sie der Lächerlichkeit preiszugeben.

Populisten sind in Europa auf dem Vormarsch. Wie erlebst Du unser Verhältnis zur Inszenierung von Macht?

Ich persönlich habe den Eindruck, dass wir die Inszenierung von politischer Macht gegenwärtig stärker wahrnehmen als zum Beispiel noch vor 20 Jahren. Das wäre als Entwicklung im Sinne einer geschärften Wahrnehmung vielleicht gar nicht so schlecht, allerdings scheinen wir uns gleichzeitig zusehends daran zu gewöhnen. Wir rechnen quasi schon mit despotischem, irrationalem Verhalten von Staatsoberhäuptern, wir gewöhnen uns wieder an den Anblick von Militärparaden, Propagandaauftritten und popkulturartigem Personenkult. (Selbst-)Inszenierung wird als politisches Werkzeug leider von vielen nicht mehr so sehr problematisiert.

Das Interview wurde am 23. Mai 2020 per E-Mail geführt.

Pressestimmen

„Anna Bergemann hat eine schwarze Riesenskulptur auf die Drehbühne gestellt. Mit Schrägen, Treppen, Durchgängen und Plateaus dient sie als Friseursalon und Führerhauptquartier, ist ideal für Verfolgungsjagden und Führerreden. Zu so einer hat sich Hynkds engste Führungsriege versammelt. Melly schlüpft flugs in die Rolle des Diktators. Die Antifaschistin kann kaum glauben, damit durchzukommen, dann steigt ihr die Macht zu Kopf. Das ist eine Lehre, die Regisseurin Clara Weyde in den Abend packt. Vor allem aber rafft sie die Filmvorlage zu einem Szenen-Best-of, für das sie viele Filmpointen (Umhang, schusssicherer Anzug, Friseurstühle, Giftgas) zuspitzt.“ (Der Standard / derstandard.at, Michael Wurmitzer, 24./25.05.2021)

„Dem Filmoriginal entsprechend wird dem Slapstick ausgiebig gehuldigt. […]  Der große Diktator: Das ist die einmal mehr fulminante Julia Gräfner. Auf sie ist im Grazer Ensemble immer Verlass, wenn es gilt, eine Klischeefigur vertraut erscheinen zu lassen und das Klischee auch gleich wieder aufzubrechen. […] Den [Gegenspieler] gibt in Graz Alexej Lochmann, als Gegenspieler und Quasi-Spiegelbild ist auch er einprägsam und individuell.“ (nachtkritik.de / drehpunktkultur.at, Reinhard Kriechbaum, 21./24.05.2021)

„Nicht zuletzt, weil Weyde für diese Figur die Schauspielerin Julia Gräfner zur Verfügung steht, die für diese Rolle als Gast an ihr einstiges Stammhaus zurückgekehrt ist, gelingt der Balanceakt zwischen Horror und Komödie: Da sitzen der Slapstick und die Pointe, zugleich sieht man mit Entsetzen Mellys Verrohung zu. Eingebettet ist Gräfners energisches, genaues Spiel in eine Ensembleleistung, die sich am Grat zwischen Witz und Grauen scheinbar mühelos hält. Alexej Lochmann berührt als verfolgter Friseur, der auch ans Gegenwartspublikum keine großen Erwartungen mehr hat. Clemens Maria Riegler darf als Feldmarschall Herring die überdrehte Knallcharge geben, Nico Link ist als Propagandaminister Garbitsch ziemlich zum Fürchten, Sarah Sophia Meyer stellt eine eiskalte Bürokratin dar, Oliver Chomik beweist als Madame Napoloni Talent zur Rustikalerotik. Sehr witzig: Gast Mario Fuchs stürzt sich als bakterianischer Diktator Benzino Napoloni nicht nur gekonnt mehrmals die Treppen von Anna Bergemanns fantastisch multifunktionaler Schachtel-Bühnenarchitektur hinunter, sondern auch in ein herrliches Duell am Kalten Buffet.“ (kleinezeitung.at, Nachtkritik / Kleine Zeitung, Ute Baumhackl, 21./23.05.2021)

„In der Titelrolle zieht Julia Gräfner (nunmehr als Gast) alle Register. […] Julia Gräfner ist der überzeugendere Diktator, lässt sich schnell zu immer drastischeren Maßnahmen verleiten, vor allem Propaganda-Minister Garbitsch (dämonisch: Nico Link) zieht gekonnt die Fäden. Er lässt den Rest der Truppe - Clemens Maria Riegler als Kriegsminister, Sarah Sophia Meyer als Sekretärin sowie Fredrik Jan Hofmann und Oliver Chomik als SS-Männer - wie Knallchargen aussehen. Auch Diktator Napoloni (herrlich übertrieben: Mario Fuchs) und eine an Leni Riefenstahl erinnernde Evamaria Salcher sind Teile dieser erschreckenden Lächerlichkeit.“ (Kronen Zeitung / krone.at, Michaela Reichart, 25.05.2021)

„Alexej Lochmann wird zum Friseur, Julia Gräfner zu Hynkel. Ihnen gelingen respektable Imitationen. Vor allem Gräfner ist in ihren Bewegungen und auch verbal dem Original verblüffend ähnlich, sie hat die Bühnenpräsenz. […] Fazit: Zwei tapfer agierenden Komikern, die einiges an Slapstick beherrschen, wird von einem gut abgestimmten Ensemble assistiert, das brav eine Vielfalt an Skurrilitäten vorführt. […]“ (Die Presse / diepresse.com, Norbert Mayer, 26./27. Mai 2021)

„Zum Fürchten kalt wirkt Nico Link als Dr. Garbitsch, Minister für Aufklärung und Propaganda. Ihm ebenbürtig ist Sara Sophia Meyer als Hynkels Sekretärin Cosima von Schwanitz. Lustvoll übertrieben sind die Rollen von Kriegsminister Herring (Clemens Maria Riegler) und Mario Fuchs als Mussolini-Lachnummer Benzino Napaloni angelegt. Schrill wirken auch Oliver Chomik als Madame Napaloni und Evamaria Salcher als zusätzliche Figur der Reichsfilmbildgestalterin. Im Vergleich dazu verströmen Lisa Birke Balzer als Hannah und Fredrik Jan Hofmann gerade zu Normalität. […]“ (diepresse.com, Norbert Mayer, 26. Mai 2021)

„Starke Annäherung an ein großartiges Werk. […] Die Ausgangssituation ist bestens gewählt, zwei Chaplin-Darsteller, die mit sich hadern, stehen am Grab des Künstlers und werden nach und nach in die Handlung hineingezogen. Die Perspektive erlaubt exzellent eingebaute Verweise auf den aktuellen Alltagsfaschismus […]. Wenn dann noch eine Schauspielerin wie Julia Gräfner agiert, die an Witzen und tiefen Abgründen nichts auslässt, funktioniert es.“ (Vorarlberger Nachrichten, Christa Dietrich-Rudas, 05.06.2021)

„Julia Gräfner entfaltet kraftvoll einen unberechenbaren und eitlen wie einfältigen Anton Hynkel. Pointiert lässt sie die getriebene, aber tollpatschige Melly mit dem Diktator verschmelzen. […] Ein turbulenter Bühnenabend endet nachdenklich.“ (haubentaucher.at, Mirella Bärnthaler, 25.05.2021)

TERMINE
Fr, 21. Mai 19:30 - 21:20
PREMIERE
Sa, 20. Nov 19:30 - 21:20
Di, 30. Nov 19:30 - 21:20
Mi, 01. Dez 10:30 - 12:20
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ORT & DAUER
HAUS EINS
Hofgasse 11, A - 8010 Graz
Dauer: ca. 1 Stunde 50 Minuten
PREMIERE
21. Mai 2021, HAUS EINS
BESETZUNG
Medien
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