dritte republik (eine vermessung)

Österreichische Erstaufführung

teil drei der kronlandsaga

Thomas Köck

Inhalt

Wir freuen uns auf die neue, ohne Zweifel außergewöhnliche Spielzeit mit Ihnen! Da uns Ihre Sicherheit am Herzen liegt, gelten bis auf Widerruf folgenden Maßnahmen, um Sie und uns zu schützen – wir arbeiten und produzieren künstlerisch anregend, aufregend und natürlich verantwortungsvoll: HIER finden Sie den Besucher*innenleitfaden.

 

Eine Landvermesserin steigt in Wien in einen „Postzug“ und an der Endstation, nach einer strapaziösen Fahrt durch kriegsversehrte, entvölkerte Landschaften, wieder aus. Ihr Auftrag: die Grenze neu vermessen.

Orientierungslos irrt sie mit einem riesigen Überseekoffer voller Präzisionsmessinstrumente durch einen Schneesturm. Bei einem einsamen Haus am Waldrand klopft sie an, ihr öffnet ein Kutscher ohne Kutsche, der sich ihr als Weggefährte aufdrängt. Zusammen begegnen sie skurrilen, ratlosen, verlorenen Gestalten, doch die Suche nach der zu markierenden Grenze bleibt vergeblich …

Thomas Köck ist einer der herausforderndsten und gefragtesten Dramatiker*innen Österreichs, der mit bildgewaltiger Sprache Phänomene und Akteur*innen der politischen Gegenwart geschichtsmetaphorisch und höchst theatral fasst. Nicht umsonst spielt „dritte republik“ im Titel auf die 1994 unter Jörg Haider verfasste Programmschrift „Weil das Land sich ändern muss! Auf dem Weg in die Dritte Republik“ an, in der ein Umbau Österreichs von einer parlamentarischen Demokratie zu einem Staat unter der quasi alleinigen Führung eines direktgewählten Staatslenkers mit umfassenden Befugnissen skizziert wird. Doch das ist nur eine von vielen Ebenen und popkulturellen Referenzen von Jim Jarmusch bis Arnold Schönberg, die Köck in seinem neuesten Text kurzschließt. Was daraus entsteht, ist das Panorama eines taumelnden Kontinents zwischen europäischem Traum und nationalstaatlichen Sehnsüchten.

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Thomas Köck über Corona und andere Krisen
Die Proben zu „dritte republik“ mussten im März abgebrochen werden. Unter dem Eindruck des durch die Corona-Krise verursachten Ausnahmezustands hat der Text eine neue Dimension und Dringlichkeit bekommen. Thomas Köck schickte uns dazu Mitte Mai diesen Text über Corona und andere Krisen.

„ich wurde gebeten, über europa zu schreiben, über grenzen, über ein virus und seine folgen und so. es ist naheliegend, denn es ist beschämend, was an den außengrenzen passiert, was der kapitalismus als virus dort schon seit jahren veranstaltet, während sich die privilegierten zu allen zeiten schon im homeoffice verschanzt haben, um noch einen rest an mehrwert zu produzieren.

es ist heuchelei, wenn man am balkon steht, um den (überwiegend weiblichen) unterbezahlten mitarbeiterinnen eines „gesund“ und „schlank“ gesparten gesundheitssystems zu applaudieren oder den menschen an der supermarktkasse, die man ansonsten maximal bemitleidet. es ist schlicht peinlich zu beobachten, wie parteipolitik krisen nutzt, um gesellschaftliche konflikte zuzuspitzen und eigene umfragewerte zu pushen, anstatt narrativa für eine gemeinschaft der zukunft zu entwickeln, anstatt sich zu entschuldigen dafür, dass man in den letzten jahren dachte, der markt würde eh alles regeln, aber dann reicht schon ein winziges virus aus und diese tollen märkte kollabieren, die armut explodiert, jobs gehen verloren und wir müssen zugeben, dass wir uns in ein alternativloses system hineinmanövriert haben, das keinen doppelten boden mehr besitzt – die geringste erschütterung lässt millionen an menschen umgehend tief stürzen und jetzt wäre der moment, um dieses verkackte system zu ändern. aber nichts und niemand öffnet die grenzen, verteilt die ärmsten und kommt den historischen pflichten dieses staatenbunds, dieses halben kontinents nach, alle hamstern sie häuslpapier für den eigenen arsch.

darüber habe ich die letzten wochen auch nachgedacht, hie und da, wie viele andere auch vermutlich, aber ich habe vor allem über eines nachgedacht, nämlich wie soll jemand, die / der mit ihrem / seinem eigenen verschwinden nie konfrontiert wurde, nie an diesen punkt gewandert ist, wie auch immer, wo man das eigene ende auffindet, wie soll so jemand denn überhaupt in der lage sein, das ende dieses systems zu imaginieren und also handlungsfähig über die eigenen scheuklappen hinaus werden?

ich habe nämlich vor allem eines wieder einmal festgestellt: wir, in diesen darstellenden künsten, die musikerinnen, tänzerinnen, schauspielerinnen, regiemenschen, die technik, bühne und all die vielen anderen, wir arbeiten fürs verschwinden – wir arbeiten nicht fürs wachstum, für die profitmaximierung oder um den markt zu dominieren. wir arbeiten noch nicht mal fürs archiv, selbst als autor stelle ich immer wieder fest, beim schreiben will man an einen punkt kommen, wo man irgendwo im text verloren geht und verschwindet, die texte werden einem dann eher gute freunde, schöne affären über eine bestimmte zeit, aber halt autonome wesen, die „mich“ nicht mehr brauchen. Unsere arbeit existiert nur in diesem und für diesen kurzen augenblick – sie ist ein versprechen, eine zukünftige erinnerung, eine liebeserklärung und eine innige freundschaft, die im moment ihrer sichtbarkeit verschwindet. die wir für einen wimpernschlag teilen und die uns da zusammenbringt, in einer liebevollwütenden verschwörung gegen zeit und raum und welt und kapital.

es gibt ein lied von dem / der drone künstler / in abul mogard, von dem/der unklar ist, wer das ist oder wie viele, es heißt „half light of dawn“ und es läuft hier gerade, während ich das schreibe und es ist ein einziges langgezogenes verschwinden und es erinnert mich an diese wunderbarsten momente im theater: wenn etwas ganz und gar unerwartetes geschieht, das nur an diesem einen abend hier für diese paar menschen in diesem ort geschieht und ich meine das radikal kontingente, ich meine nicht, das gesamte geschehen, ich meine, wenn jemand plötzlich stolpert auf der bühne, wenn jemand auf einmal den text anders kapiert, wenn jemand, ohne es zu wissen, so im licht steht, dass ein ganz wunderbarer, unerwarteter schatten ein völlig neues bild entstehen lässt, wenn jemand am ende ihrer oder seiner kräfte noch einmal einen ganzen monolog lang sich bis an die rampe kämpft und dabei stottert und keucht und vergisst wo er oder sie gerade ist, sondern nur diesen scheißtext zu ende bekommen möchte und eine energie in diesem widerstand zwischen körper und text freisetzt, an die ich mich noch jahre später erinnere, die mir noch jahre später imponiert, ein moment, der nur zwischen uns stattgefunden haben wird, der mich aus diesem jammermariannengrabental von grenzschließungen, renationalisierungen, kaputtgesparten gesundheitssystemen und zerstörten kulturlandschaften herausreißt und mir für den bruchteil einer sekunde, nein, viel länger eigentlich, der mir für den ganzen heimweg und die nächsten tage das gefühl gibt, dass man durch diesen scheißmonolog, durch diesen viel zu langen text, durch diesen viel zu langen abend und durch diese ganze beschissene krise hindurchgekommen sein wird, dass es verschwunden sein wird, so wie wir uns immer und immer und immer wieder an den punkt hinspielen, an dem wir verschwinden, an dem wir etwas völlig neues entdecken in und an uns, in zeit und raum und aus diesem verschwinden eben diese gewissheit mitbringen, dass auch all diese erniedrigungen, dass all diese ungerechtigkeiten zwar nicht von selbst verschwinden werden, aber auch sie eines tages verschwunden sein werden.“

Pressestimmen

„Thomas Köcks ‚dritte republik (eine Vermessung)‘, Teil drei der Kronlandsaga, wird in der Regie von Anita Vulesica zu einer funkelnden Weltüberdruss-Gaudi. […] eine Landvermesserin, in Graz präzis und pointiert dargestellt von Katrija Lehmann, ist angewiesen, die Grenzen des nach dem Ersten Weltkrieg zerfallenen Habsburgerreiches neu zu vermessen. […] gekrönt wird das bizarre Ensemble von Frieder Langenbergers überzuckertem Spiel als Kaiserin-Maria-Theresia- Lookalike. Eine Chaostruppe de luxe. […] Eine Notlösung, die voll aufgeht: Die Energie des juvenilen Chors ist in Großaufnahme auf der raumfüllenden Videoleinwand ein Erlebnis. Regisseurin Vulesica versteht es, den schwierigen Chorpassagen Schärfe und Witz zu verleihen. Ein herrlich verhuschtes Kammerspiel, ein gewitztes Panorama der Absurditäten.“ (Wiener Zeitung / wienerzeitung.at, Petra Paterno, 16./17.09.2020)

„Als Reeder amüsiert ein in seinem Monolog mit Leichtigkeit zwischen extremen Emotionen changierender Frieder Langenberger […]. Der starke Text fand auch dank der Bühne und der Kostüme von Anna Brandstätter und den unheilvollen Sounds von Bernhard Neumaier markante Bilder […]. Beim ganz ausgezeichneten Chor, der in Videos von Frank Holldack in Überlebensgröße auf die Bühne projiziert wird, gibt es keine Unsicherheit. Man schmettert in attischer Tradition die teils neu montierten Texte Köcks präzise und klar in die zerfallende Welt. Den Chor nicht live auf der Bühne zu haben, mag epidemiologisch eine kluge Entscheidung sein, ist aber auch ästhetisch eine wunderbare Lösung.“ (Der Standard / derstandard.at, Colette M. Schmidt, 13./15.09.2020)

„Im Grazer Schauspielhaus hat Anita Vulesica Thomas Köcks ideenreiche, apokalyptische Farce ‚dritte republik‘ liebevoll und mit Empathie inszeniert. […] Das lebendige Ensemble begeistert. […] Eine zauberhafte Utopie über ein glückliches Leben ohne Nationalismus und ohne Grenzen wird hier entworfen, mit Witz und hoher Sprachkunst. […] Ja, Anita Vulesica, in München geborene Regisseurin und Schauspielerin mit kroatischen Wurzeln, hat mit Anna Brandstätter (Bühne, Kostüme) tolle Bilder gefunden.“ (Die Presse am Sonntag / diepresse.com, Barbara Petsch, 13.09.2020)

„Als tauglich erweist sich das Bühnenbild (Anna Brandstätter): Auf der schwarzen, postapokalyptischen Vulkanlandschaft, eingehüllt in einen Nebel der Unklarheit, riskiert Hauptdarstellerin Lehmann mit großem Körpereinsatz einige blaue Flecken. Das gesamte Ensemble nahm den Sprachrhythmus von Köcks Text feinsinnig auf und überzeugte bei der Premiere mit Spielfreude und schauspielerischer Qualität.“ (kleinezeitung.at, Nachtkritik, Daniel Hadler, 11.09.2020)

„Mit Thomas Köcks kafkaeskem Grenzgang ‚dritte republik (eine vermessung)‘ startet das Grazer Schauspielhaus bild- und sprachgewaltig in die neue Saison. […] Auf ihrem Weg arbeitet sich Lehmann als orientierungslose Geodätin an ihrer Grenzmission glaubwürdig ab, gerade wie sich Köck am Konzept der Grenzen und des Nationalen abarbeitet […]. Der Bezug zur Tagespolitik ist gegenwärtig, aber nie plump.“ (Kleine Zeitung, Daniel Hadler, 13.09.2020)

„Mit ‚dritte republik (eine vermessung)‘ hat es am Freitag im Grazer Schauspielhaus nach langem Stillstand wieder eine Premiere gegeben, die auch gleich Zeichen setzte: Sprachgewalt, starke Bilder und intensives Spiel zeichneten Thomas Köcks Drama aus. […] Die bisweilen schrille Inszenierung von Anita Vulescia täuscht nicht über die Ratlosigkeit der Figuren hinweg, die sich mit den Begriffen Grenze, Nation oder Heimat auseinandersetzen. Der Text passt zu so ziemlich allen aktuellen Problemen […] Ein sprachgewaltiger Abend mit starken Bildern als hoffnungsvoller Auftakt einer Saison mit besonderen Herausforderungen.“ (APA, Karin Zehetleitner, 12.09.2020)

„Regisseurin Anita Vulesica und Ausstatterin Anna Brandstätter finden starke Bilder für die Verzweiflung […]. Viel Applaus für die düster-absurde Fabel, die uns allen den Zerrspiegel vorhält.“ (Kronen Zeitung / krone.at, Christoph Hartner, 13./14.09.2020)

„Diese kafkaeske Welt […] kolorieren Regisseurin Anita Vulesica und ihr Team in Graz mit Lust und Hingabe. Der Bühnenbildnerin Anna Brandstätter und dem fürs Licht zuständigen Thomas Trummer gelingen tolle Bilder vom Ausgesetzt-Sein in einer Nicht-Landschaft, vom grenzenlosen Sich-Verlieren im engst begrenzten Raum.“ (nachtkritik.de / drehpunktkultur.at, Reinhard Kriechbaum, 11./16.09.2020)

„Doch das ‚Look and Feel‘ passt, bewegt es sich doch nahe an der Realität: Anita Vulesica (Regie) pinselt dadurch düstere Sittenbilder über die Abschottung und den Niedergang Europas […]. Es ist ein bitter-komischer Abgesang […] auf ein Leben hinter Mauern und Schlagbäumen.“ (kultrefgraz.wordpress.com, Katrin Fischer, 12.09.2020)

TERMINE
Fr, 11. Sep 19:30 - 21:00
PREMIERE
Fr, 25. Sep 19:30 - 21:00
Sa, 17. Okt 19:30 - 21:00
Sa, 31. Okt 19:30 - 21:00
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ORT & DAUER
HAUS EINS
Hofgasse 11, A - 8010 Graz
Dauer: ca. 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause
PREMIERE
11. September 2020, HAUS EINS
BESETZUNG
BÜHNE UND KOSTÜME
Anna Brandstätter
CHOREOGRAFIE
Mirjam Klebel
DRAMATURGIE
Jennifer Weiss
KOSTÜMBILD MITARBEIT
Theresa Steiner
LANDVERMESSERIN
Katrija Lehmann
BLINDE FALLSCHIRMSPRINGERIN
Evamaria Salcher
CHOR (VIDEO)
Gregor Aistleitner
Clara-Luise Bauer
Rebekka Biener
Martin Peñaloza Cecconi
Alexander Gerlini
Levin Hofmann
Yasmin Mowafek
Izabella Radić
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