Henriette Blumenau
Henriette Blumenau

Eleos. Eine Empörung in 36 Miniaturen

Uraufführung

Caren Jeß

Inhalt

Ein Mitschnitt der Inszenierung ist am 17. Juni ab 19.00 Uhr für 48 Stunden kostenlos auf der Plattform nachtkritik.plus zu sehen.
Zum Theaterfilm

Eleos und phobos, Furcht und Mitleid, sind die kathartischen Effekte, die ein tragisches Stück hervorrufen soll, auf dass der Mensch nach dem Theaterbesuch sittlich gereinigt in seine Realität zurückkehre. Neuere Übersetzungen sprechen vom Jammern und Schaudern, was schon weniger edel klingt, vielmehr hinabführt in die Niederungen allzumenschlicher Zuständlichkeiten.

„Or!“ Dieser Ausruf der Missstimmung sei „eine der am häufigsten gebrauchten Interjektionen unserer Zeit“. Denn wir glauben zwar nicht mehr an die Katharsis, sehnen sie aber herbei, weil wir uns nicht mehr aufregen müssten, wenn wir erst rein wären, vermutet die Autorin Caren Jeß, wohl wissend, wie nah Tragödie und Komödie beieinander liegen.

Ihr kathartisches Kurstück (sic!) beschreibt in 36 formal und stilistisch höchst unterschiedlichen kurzen Szenen Gefühlslagen zwischen Niedergeschlagenheit und Jammerei, Angst und Wut, Gewalt und Hass. Ohne sich auf eine politische Agenda oder ein billiges Freund-Feind-Schema festzulegen, ohne den Zeigefinger zu erheben und auf das zu deuten, was in dieser Welt vermeintlich geht oder eben nicht (mehr) geht, seziert sie mit poetischer Einfühlsamkeit und sprachlicher Virtuosität die Empörung an sich. Sie findet Beispiele für die Mechanismen und Kettenreaktionen dahinter und erzählt zutiefst menschenfreundliche Geschichten über hochzivilisierte Individuen am Endpunkt. Jenem Punkt, an dem die Figuren, „sie sind niemand und alle“, nicht mehr weiterkönnen oder -wissen, weinend wimmern oder siegesgewiss lächelnd nach unten treten, sich sadistischer Gewalt hingeben oder in Wutstarre verharren.

Ihre musikalisch-wortakrobatische Partitur wird auf die Bühne gebracht von Daniel Foerster, der zuletzt Ferdinand Schmalz’ „jedermann (stirbt)“ inszenierte, zum Heidelberger Stückemarkt eingeladen und von ORF III in der Reihe „Wir spielen für Österreich“ verfilmt. „Eleos“ ist nach ihrem zu den Mülheimer Theatertagen eingeladenen „Bookpink“ bereits die zweite Uraufführung der norddeutschen Autorin in Graz.

SCHAUSPIELHAUS AKTIV

MITLERNEN Nachbereitung

Altersempfehlung: ab 16

REGIE Daniel Foerster
BÜHNE & KOSTÜME Mariam Haas, Lydia Huller, Robert Sievert
MUSIK Jan Preißler
VIDEO Simon Baucks
DRAMATURGIE Franziska Betz

MIT Henriette Blumenau, Oliver Chomik, Daria von Loewenich, Nico Link, Alexej Lochmann, Sarah Sophia Meyer, Raphael Muff, Susanne Konstanze Weber

LIVE-KAMERA Timo Neubauer

Pressestimmen

„Timo Neubauer, der [die Kamera] führt, ist eigentlich Hauptperson in einem beispiellos atemlosen, aber minutiös synchronisierten Spektakel. […] Was die acht Darstellerinnen und Darsteller leisten, ist gewaltig. Es herrscht ja sagenhaft viel Turbulenz auf kleinstem Raum, und doch finden immer die richtigen Leute zusammen oder durchs richtige Türl hinein und heraus. Es wird heftig gerappt, getanzt, geturnt. Die Musik ist allgegenwärtig, das legt die Musikalität von Caren Jeß‘ Sprache nahe. Die Exaltiertheit, die Grimasse – das hat System, ist Stilmittel.“ (nachtkritik.de, Reinhard Kriechbaum, 05.11.2021)

„Klein, aber fein ist ‚Eleos. Eine Empörung in 36 Miniaturen‘ von Caren Jeß […]. Der junge Regisseur Daniel Foerster entdeckt darin vor allem viel Humor. Er verortet die kapriziöse Sprachpartitur ganz konkret in einem Wellnesstempel, in dem er ein spielfreudiges Ensemble aus acht Schauspielerinnen und Schauspielern sich als grell überschminkte griechische Gottheiten aufführen lässt.“ (Süddeutsche Zeitung / sz.de, Christine Dössel, 09./10.11.2021)

„Im Haus zwei, der kleinen Bühne des Grazer Schauspielhauses, hat das Ausstattungs-Team (Mariam Haas, Lydia Huller, Robert Sievert) mit ein paar Kulissenwänden eine Wellness-Oase skizziert, die teils nur per Live-Video einsehbar ist […] Die Szenen sind exakt durchkomponiert, manche sehen typografisch wie konkrete Poesie aus […]. Auf die Bühne lassen sich solche formalen Eigenheiten nicht wirklich übertragen; der Inszenierung gelingt es dennoch weitgehend, die stilistische Raffinesse und den feinen Witz der Vorlage herauszuarbeiten. Besonders gelungen sind die Szenen, die chorisch aufgelöst werden.“ (Theater heute, Wolfgang Kralicek, Ausgabe 01/2022)

„[Caren] Jeß hat gewitzte Sprachmusik gezaubert, […] [Daniel] Foerster spinnt diese weiter und legt – mehr mitteilsam als poetisch – in jeder Miniatur einen pointierten Plot frei. […] Dabei setzt sich das große und grandios spielwütige Ensemble in jeder Szene in Szene, als wär’s seine letzte. So werden auf dem wut-roten Faden theatrale Miniaturen aufgefädelt, die in Summe funktionieren wie Tiktok-Kunst: Sie machen süchtig.“ (Kleine Zeitung, Hermann Götz, 06.11.2021)

„Daniel Foerster verstärkt den ohnehin starken Text mit seiner Inszenierung, indem er die Figuren zu Gottheiten ihrer eigenen Unzulänglichkeiten macht, die in ihrer Wellness-Welt stets nach der Kamera suchen, um sich selbst und ihre Wut inszenieren zu können. Ein tolles Ensemble macht diesen Abend zu einem rundum gelungenen Theatererlebnis!“ (Kronen Zeitung / krone.at, Christoph Hartner, 06.11.2021)

„Der klangmalerisch und virtuos komponierte Text verleitete, so ließe sich vermuten, zu puristischer Interpretation, jedoch: Regisseur Daniel Foerster interessiert genau das gar nicht. Und das ist gut so. Wo Jeß gewitzte Sprachmusik gezaubert hat, […] spinnt Foerster diese weiter und legt – mitunter mehr mitteilsam als poetisch – in jeder dieser Miniaturen einen pointierten Mini-Plot frei.“ (Theater der Zeit, Hermann Götz, Dezember 2021)

ORT & DAUER
HAUS ZWEI
Hofgasse 11, A - 8010 Graz
Dauer: ca. 1 Stunde 35 Minuten, keine Pause
PREMIERE
04. November 2021, HAUS ZWEI
Medien
Henriette Blumenau