Thalerhof

Inhalt
„Flughäfen sind transparent, durchsichtig, aus Glas. Ein wenig wie Aquarien, ein wenig wie Spiegel: Du siehst Menschen hinter der Scheibe, aber du kommst unmöglich dorthin. Eine andere Zone, Transit, Schengen, nur mit Pass … Diese Realität ist aus Fiktionen gewebt, aus Halluzinationen, Sinnestäuschungen. – Wir sind Kinder unserer Vergangenheit. Die Vergangenheit stirbt nie. Sie ist sogar dann in uns lebendig, wenn wir nicht daran denken wollen. Gräber, Geister, Leichen, Erinnerungen, Ahnenkult. – Körper, von denen wir uns herleiten? Die einzig erreichbare Form der Unsterblichkeit wird das Gedenken sein. Wir werden unseren Verstorbenen Leben einhauchen, indem wir auf ihre Stimmen hören. Ich jedenfalls tue das. Ich lausche den Verstorbenen. Ich bin ein abergläubischer Slawe und glaube an Geister. So wie meine Großmutter an Geister glaubte. Ich lausche, was sie zu sagen haben. Zum Beispiel die, die man eines Tages aus meiner Gegend wegbrachte, um sie ohne Gerichtsurteil in ein Deportationslager in der schönen Stadt Graz zu sperren. Ich lausche aber auch den Stimmen jener, die – vom Kaiser ausgesandt – in meiner Gegend 1914 und 1915 im Großen Krieg gestorben sind – gefallen, ermordet. Ich lausche. Sie liegen unter der Erde. Ich gehe zu ihnen. Danach versuche ich euch zu erzählen, was ich gehört habe.“ (Andrzej Stasiuk)

Andrzej Stasiuk gehört zu den einflussreichsten polnischen Autoren unserer Zeit. In seinen Erzählungen und Essays untersucht er die Deformation des Individuums unter dem Einfluss von Regime und Gesellschaft. Im Auftrag des Schauspielhauses begab er sich auf Recherche zu den Schauplätzen des Ersten Weltkrieges in den polnischen Karpaten, der Ukraine und Graz. Eine theatrale Betrachtung unserer europäischen Geschichte.

ZUGABE zu Thalerhof mit Dieter A. Binder
In Zusammenarbeit mit Akademie Graz und Karl-Franzens-Universität Graz

Der Verbleib der Opfer des Internierungslagers Thalerhof war Schwerpunkt eines Forschungsprojekts das vom Bundesministerium für Landesverteidigung 2008 in Auftrag gegeben worden war. Leiter des Projekts war Professor Dieter A. Binder. Der Kulturhistoriker und Kulturanthropologe lehrt in Graz und an der Andrássy Universität Budapest und war von 2006 bis 2011 Dekan der Fakultät für Mitteleuropäische Studien.
Im Anschluss an die Vorstellung laden wir Sie ein, im gemeinsamen Gespräch mit Dieter A. Binder und den SchauspielerInnen an die Experteneinführung anzuknüpfen.

Am Samstag, 12. Oktober 2013, 18.45 Uhr, Foyer, 3. Rang
Pressestimmen
„Andrzej Stasiuk ist ein begnadeter Satiriker und Surrealist. Einen „Reisenden" (Jan Thümer) bringt er quasi als sein Alter Ego auf die Bühne, einen Wanderer durch die Zeitläufte. Einen, der die Gegenwart beobachtet und mit den Toten von vorvorgestern intensiv Zwiesprache hält. Wie die Maulwürfe bohren sie sich aus der Erde: der Soldat Jusuf aus Mostar, der Jude Mendel als einer von der Gegenseite, der Russe Afanasij. [...] Knochentrockene Geschichte? Keine Spur. Stasiuk ist ein toller Erzähler. Er schwingt nicht die Moralkeule, sondern setzt auf bizarre Situationskomik – wobei ihm die Regisseurin Anna Badora effizient zuarbeitet. Indem man ganz unprätentiös von Einzelschicksalen erzählt, gelingt es, die Ungeheuerlichkeit der Kriegssituation zu suggerieren. [... ] Regisseurin Anna Badora (die Grazer Schauspielchefin stammt wie der Autor aus Polen) hält Szene um Szene diesen Gegenwartsbezug lebendig. Und sie hält die Perspektive im Auge: „Hinter dem Stacheldraht", das ist in dieser Geschichts-Sicht aus den Karpaten eben nicht der böse Osten, sondern das Zentrum der K.-u.-k.-Monarchie. Die Spielfläche ist ein Relief aus Schützengräben, aus denen die aschgrauen Soldatengeister hervor klettern. In schlichten weißen Gewändern steht die ruthenische Dorfbevölkerung da, angreifbar, verletzlich – die sprichwörtlichen Bauernopfer in einem Krieg um verquere staatspolitische Großinteressen.“
(Reinhard Kriechbaum, nachtkritik.de, 28. September 2013)

„Ein Kraftakt, der sich gelohnt hat. [...] Schauspielchefin Anna Badora inszeniert ihren Landsmann Andrzej Stasiuk: Der polnische Autor hat in seiner Heimat, in der Ukraine und in der Steiermark für sein Stück recherchiert, das poetisch kraftvoll von den Ereignissen anno 1914 erzählt, aber auch von ihren Folgewirkungen bis ins Heute.“
(Ute Baumhackl, Kleine Zeitung, Nachtkritik, 28. September 2013)

„Tote Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg marschieren durch das Flughafengebäude von heute: Andrzej Stasiuk hat für Thalerhof zwei ungewöhnliche Ebenen miteinander verbunden. [...] Das Ensemble ist mit viel Intensität bei der Sache: Stefan Suske zeigt in verschiedenen Rollen die ganze Bandbreite vom geistig beschränkten Kaiser bis zum unterschwellig bedrohlichen Gendarm. Verena Lercher und Margit Jautz zeigen sich wandlungsfähig, während Laurenz Laufenberg, Kaspar Locher und Sebastian Klein als tote Soldaten überzeugen.“
(APA aus kleinezeitung.at, 28. September 2013)

Thalerhof ist Erinnerungsarbeit, es ruft die Schrecken des Ersten Weltkriegs und das Unrecht an den Ruthenen und Lemken in Erinnerung, die man in österreichischen Lagern quälte, weil sie der Kollaboration mit den Russen verdächtig waren. [...] Hinreißend streiten sich Seyneb Saleh und Simon Zagermann als junges Ruthenenpaar Sofia und Maxym um familiäre Verantwortung und den Preis innerer Freiheit: Er lässt sich erschießen, weil er der Orthodoxie und dem Zaren nicht abschwören kann, sie wird sein Kind im Lager zur Welt bringen. Berührend Verena Lerchers Monolog, wenn sie als verhungertes Lageropfer von damals durch den Flughafen Thalerhof von heute irrt. Traurig burlesk der naive Zukunftsglaube der toten Christen, Juden, Muslime, die seit 1914 gemeinsam auf dem Soldatenfriedhof liegen: Da zeigen Laurenz Laufenberg, Sebastian Klein, Kaspar Locher perfektes Feintuning in der Wechselrede. An solchen Szenen wird ersichtlich, wie empfindsam Intendantin Anna Badora, die das Stück beauftragt und inszeniert hat, ihre Schauspieler führt.“
(Ute Baumhackl, Kleine Zeitung, 29. September 2013)

„Sie kriechen aus ihren Gräbern, singen die alten Lieder und marschieren in die Abflughalle ein: Soldaten aus dem länderübergreifenden k. u. k.-Imperium, Kaisertreue, die auf dem Feld gestorben sind. Dazwischen geistert eine andere Wiedergängerin umher, eine, die einst im Lager Thalerhof starb, ebendort, wo heute der Grazer Flughafen situiert ist. [...] Gesellschaftspolitisch wichtig, zeitlich gut passend kurz bevor das Gedenken an „100 Jahre Erster Weltkrieg“ beginnt.“
(Martin Behr, Salzburger Nachrichten, 1. Oktober 2013)

„Jan Thümer spielt den Reisenden, der den roten Faden durch den zweieinhalbstündigen Abend spinnt. Er nimmt das Publikum in der Inszenierung der Intendantin des Hauses, Anna Badora, an der Hand und erzählt noch von anderen Toten, die einen nicht minder sinnlosen Tod starben. [...] Nach der Pause ist man in Thalerhof. Dort wartet ein starkes Bild (großartige Bühne von Raimund Orfeo Voigt): Der Flughafen ist voller Reisender, die sich über „Gesindel aus dem Osten“ alterieren, als die toten Soldaten aus der Erde kriechen. [...] Stasiuks Stück ist nicht nur Würdigung anonymer Toter, es verhandelt auch die Sinnlosigkeit von Kriegen, deren Ideale längst vergessen sind.“
(Colette M. Schmidt, Der Standard, 30. September 2013)

„Es gibt viele Bezüge in diesem Text, der sich des Horrorkinos bedient. Deutliche Spuren führen aber auch zu Karl Kraus‘ Letzten Tagen der Menschheit, zu Brecht, Heiner Müller. Stasiuk blickt nicht aus west-, sondern aus osteuropäischer Perspektive auf das Geschehen. [...] Badoras Inszenierung zeigt Lebende und Tote in ähnlich bleichem Licht, als wären beide eben nur Gäste auf dieser Erde. Sie lässt die dünne Wand sichtbar werden zwischen Vergangenheit und Gegenwart, dem frühen Geisterglauben und der Religion, die ihn auszumerzen versuchte. [...] Ein Glücksfall ist die kleine Tatiana Sandowicz, echte Urenkelin von Maxym Sandowicz, die beim Kindercasting zufällig entdeckt wurde und Licht in die finstere Welt der Erwachsenen bringt.“
(Barbara Petsch, Die Presse am Sonntag, 29. September 2013)

„Dass sich der Beginn des Ersten Weltkriegs im kommenden Jahr zum 100. Mal jährt, wirft seine Schatten voraus. Einen ersten kulturellen Beitrag zu diesem Gedenkjahr leistet das Schauspielhaus mit Thalerhof. [...] Es ist Anna Badora hoch anzurechnen, dass sie sich mit diesem fast vergessenen Kapitel der Grazer Geschichte befasst. Auch dass sie einen Stückauftrag an den polnischen Autor Andrzej Stasiuk vergibt und den Text selbst auf die Bühne bringt, verdient Lob. [...] Badora inszeniert Thalerhof im düsteren Bühnenraum von Raimund Orfeo Voigt (die Kostüme stammen von Julia Kornacka) nicht als Schauspieler-, sondern als Ensemblestück.“
(Michael Reichart, Kronen Zeitung, Steirerkrone, 29. September 2013)

„Im Stück lässt Stasiuk Soldaten aus ihren galizischen Gräbern kriechen, um am Flughafen Thalerhof aufzumarschieren (wo rechte Klischeeösterreicher sie dann für Gastarbeiter halten). Der Text erzählt zudem vom orthodoxen Märtyrer Maxym Sandowicz, dessen Urenkelin tatsächlich zum Casting für eine Kinderrolle erschien und im Schauspielhaus nun ihren großen Auftritt hat. Auch das macht Thalerhof zu einem Ereignis."
(Hermann Götz, Falter, 2. Oktober 2013)

„Die Idee ist grandios und die Realisierung bis auf ganz wenige Einschränkungen auch. [...] In einem atemberaubenden Wirbel der Zeiten wir der Ort Thalerhof von seiner Vergangenheit eingeholt. Großes Theater. Hingehen!"
(Lothar Lohs, Bühne, 11. November 2013)
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