»Chronik der laufenden Entgleisungen« zum Heidelberger Stückemarkt 2025 eingeladen
Das Schauspielhaus Graz freut sich, mit der Koproduktion »Chronik der laufenden Entgleisungen« von Thomas Köck zum renommierten Heidelberger Stückemarkt 2025 eingeladen worden zu sein. Das Festival gilt als eine der wichtigsten Plattformen für zeitgenössische Dramatik im deutschsprachigen Raum.
Seit 1984 präsentiert der Heidelberger Stückemarkt zehn Tage lang neue Stücke und herausragende Uraufführungen. Neben dem Autor:innenwettbewerb und dem Jugendstückepreis ist der Nachspielpreis eine zentrale Kategorie des Festivals, in der Inszenierungen bereits uraufgeführter Stücke erneut gezeigt und diskutiert werden. 2025 steht der Stückemarkt im Zeichen des Gastlands China. Das Festival findet von 25.4. – 4.5.2025 statt.
Chronik der laufenden Entgleisungen
Austria revisited von Thomas Köck
Uraufführung des Auftragswerks des Schauspielhaus Graz und des Schauspielhaus Wien
Koproduktion mit dem Schauspielhaus Wien in Kooperation mit dem steirischen herbst
Thomas Köck stellt sich mit seinem Text in die Linie der Chronisten, die historische Ereignisse, gesellschaftliche Entwicklungen und kulturelle Veränderungen dokumentieren, um ein umfassendes Bild der Vergangenheit zu vermitteln. Und für Köck ist es vor allem der Versuch, mit Walter Benjamin gesprochen, die »Jetztzeit« zu erfassen, die historische Zeit zu unterbrechen, um sich die Ereignisse zu vergegenwärtigen und sie zu deuten; es ist ein schreibendes Innehalten, um zu verstehen.
In Berlin sitzt Thomas Köck an seinem Schreibtisch, umgeben von Büchern, deren inhaltliche Linien sich kreuzen mit dem Vorhaben, Österreich im Blick zu behalten. Auf dem aufgeklappten Rechner reiht sich Tab an Tab, ein Nebeneinander von privaten Exkursen und hauptsächlich Recherchen zu dem Land, auf das er aus dem Nachbarland schaut, um historische Schichten auszumachen und Verflechtungen von altem Geld und aktueller Politik zu überblicken. »Eigentlich«, wird später am Anfang seiner Chronik stehen, »hatte ich Marie Bues zugesagt, ein Jahr österreichischer Innenpolitik, also das eine Jahr vor den kommenden Nationalratswahlen zu ‚begleiten‘, oder zu betrachten, eine Art fortlaufende, politische Bestandsaufnahme als Grundlage für einen Theaterabend.« Und mit diesem »Eigentlich« ahnt er bereits, dass »das Interessante an dieser beständigen Arbeit vielleicht gar nicht gewesen sein wird, zu lesen, was jetzt gerade passiert, sondern im Rückblick dann dieses Jahr des möglichen Übergangs noch einmal nachzuvollziehen«.
In diesem einen Jahr wird er nach Bosnien reisen, aus der Ferne auf das Camp Lipa blicken und die EU-Außengrenzen aus der Nähe erfahren; er wird sich an seine Schulzeit erinnern und daran, dass er schon damals einen Riss in der Gesellschaft spürte, auf dessen eine Seite er eindeutig zu gehören schien und dem Gefühl nach weiterhin gehört. Er wird sich in Live-Tickern und Kommentarspalten verlieren und inmitten von Freund:innen den hoffnungsvollen Gedanken an ein ZUSAMMEN wiederfinden.
Entstanden sind in diesem Jahr über 500 Seiten Textmaterial, die nicht nur tagespolitische Ereignisse des Zeitraums festhalten, sondern auch den Schreibprozess nachvollziehbar machen als Auseinandersetzung mit der eigenen Herkunft Köcks und ihrem Fortwirken im Erleben und der Analyse der Gegenwart. Er beschreibt eine von Klassismus geprägte Gesellschaft und untersucht den Nährboden für rechtes bis rechtsextremes Denken über die Landesgrenzen hinaus. Immer wieder stößt er beim Schreiben auch auf die Sprache selbst als Instrument der Entfremdung und der populistischen Vereinfachung.
Gemeinsam mit ihrem künstlerischen Team hat Marie Bues die Uraufführungsfassung erarbeitet und überträgt Köcks Anschreiben gegen die Zeit mit Schauspieler:innen aus Graz und Wien sowie Live-Musik und choreografischen Mitteln in den Raum.
Das Auftragswerk von Thomas Köck entstand als Koproduktion zwischen dem Schauspielhaus Graz und dem Schauspielhaus Wien sowie in Kooperation mit dem steirischen herbst. Die Inszenierung unter der Regie von Marie Bues greift die politische und gesellschaftliche Situation Österreichs im Jahr vor der Nationalratswahl auf und setzt sich kritisch mit historisch gewachsenen Strukturen, sozialen Verwerfungen und medialen Diskursen auseinander.
Mit einem geschichtsphilosophischen Ansatz, inspiriert von Walter Benjamins Konzept der „Jetztzeit“, dokumentiert und reflektiert Köck aktuelle Entwicklungen. Die Inszenierung verbindet seine Analyse mit Schauspiel, Live-Musik und choreografischen Elementen zu einem intensiven Theatererlebnis.
Andrea Vilter, Intendantin des Schauspielhaus Graz, betont: »Die Einladung zum renommierten Heidelberger Stückemarkt ist für die Schauspielhäuser Graz und Wien eine wichtige Anerkennung dieses gemeinsamen programmatischen Projekts. Ohne den Schreibauftrag und ohne das Vertrauen des Autors Thomas Köck in die politische und gesellschaftliche Kraft des Theaters, hätte die »Chronik der laufenden Entgleisungen« nicht geschrieben und auch nicht auf die Bühne gebracht werden können. Die Nominierung bedeutet deshalb eine wichtige Sichtbarmachung dieser bedeutenden Funktion und Verantwortung unserer Kunst.«
Weitere Informationen zum Festival sind unter www.heidelberger-stueckemarkt.de abrufbar.