»Karl Valentin | Ich kenne keine Furcht, es sei denn, ich bekäme Angst«, Premiere am 14.11.2025
Eine komische Panikattacke mit Texten von Karl Valentin, Liesl Karlstadt und Daniil Charms
Regie: Ulrike Arnold
Nach ihren Erfolgsinszenierungen »Der Zerrissene« und »Minna von Barnhelm«, letztere aktuell in gleich drei Kategorien für den Nestroy-Theaterpreis 2025 nominiert (beste Bundesländeraufführung, bestes Bühnenbild, beste Hauptdarstellerin), setzt Ulrike Arnold, deren Regiestil sich durch genaue Figurenarbeit auszeichnet, ihre Auseinandersetzung mit Komik und gesellschaftlichen Fragen fort. In ihrer neuen Inszenierung richtet sie den Blick auf Karl Valentin und Liesl Karlstadt, dem Münchner Komik-Duo, deren Werk nicht nur Zeitgenossen wie Beckett und Brecht beeindruckt und geprägt hat, sondern auch bis heute viele Fans begeistert.
Die in München lebende Regisseurin ist seit vielen Jahren mit dem Werk der beiden vertraut. Als Schauspielerin hat sie bereits selbst Szenen von Karl Valentin und Liesl Karlstadt gespielt. Für die Vorbereitung der neuen Produktion hat Arnold sich erneut intensiv mit dem Gesamtwerk beschäftigt. Dabei rückte ein Thema in den Mittelpunkt, das Valentins Biografie und seine Komik gleichermaßen prägt: die Angst.
Karl Valentin war geprägt von vielfältigen Ängsten, die sich auch in seinem Werk widerspiegeln. Krankheit, Scheitern, Armut und gesellschaftlicher Druck bestimmten sein Denken. In der Zeit des Nationalsozialismus schrieb er unter Bedingungen der Überwachung und gesellschaftlicher Gleichschaltung. Für Ulrike Arnold zeigt sich darin ein Humor, der als Reaktion auf Angst entsteht. Als Versuch, sie in Sprachwitz und Komik zu verwandeln.
Die Inszenierung ergänzt die Texte von Valentin und Karlstadt um Passagen des russischen Autors Daniil Charms, der im Stalinismus lebte und mit Valentin und Karlstadt die Erfahrung teilte, in einem totalitären System künstlerisch zu arbeiten. Seine absurden, oft düsteren Miniaturen erweitern den Blick auf Komik als Möglichkeit, Angst zu begegnen, und fügen der Collage eine dadaistische, abgründig groteske Dimension hinzu.
Aus den Texten entstand durch kluge Auswahl und Aufeinanderfolge eine Szenencollage, die zwischen Komik, äußerer Bedrohung und stillem Weltschmerz balanciert. Statt einer linearen Handlung entfaltet sich ein Reigen von Szenen, verbunden durch Musik, feine Choreografien und eindrucksvolle Bilder. Die aktuell Nestroy-nominierte Bühnenbildnerin Franziska Bornkamm entwarf für die Aufführung eine fantastische Geisterbahn des Alltags: Auf einem Schienensystem bewegen sich die Wagen durch die Spielfläche und setzen so die Szenen wortwörtlich in Bewegung. Die Angst fährt mit – oder ist bereits mitten im Raum.
Zwei Live-Musiker:innen schaffen gemeinsam mit Klängen, Chören und Sounds vom Band eine akustische Landschaft, die zwischen Bedrohung und subversivem Humor changiert. Die Kostüme von Anna Lechner greifen den Collagegedanken auf: Dafür hat sie zahlreiche Fotografien von Karl Valentin und Liesl Karlstadt gesichtet und gescannt, einzelne Elemente daraus collagiert und auf Stoff drucken lassen. So entstehen Kleidungsstücke, in denen Fragmente vergangener Auftritte weiterleben – mal als Muster eines Kostüms, mal als ganzer Anzug oder Schlipps. Auch Details von Valentins Gestik und Mimik – etwa Hände oder Augen – tauchen wieder auf, als Versatzstücke in den Kostümen oder als zweidimensionale Objekte auf der Bühne. Selbst Valentins Augen finden sich als Scheinwerfer der Geisterbahn-Lore wieder. In diesem Collagenprinzip greifen Kostüme und Bühne konzeptionell ineinander und verweben historische Bildwelten mit einem zeitgenössischen Zugriff.
In der Spielweise geht es nicht um die Nachahmung der bekannten Figuren, sondern um ihre Neuinterpretation. Ulrike Arnold und das Ensemble entwickeln eine eigene Form, die an den Humor Valentins und Karlstadts anknüpft, ihn aber ins Heute überführt. Präzise Figurenarbeit, körperlicher Ausdruck und feine Zwischentöne prägen eine Inszenierung, in der sich Slapstick, Poesie und leise Tragik kunstvoll verbinden.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause
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