Von einem Frauenzimmer

Uraufführung

Von einem Frauenzimmer

Bürgerliches Trauerspiel

von Christiane Karoline Schlegel
Bei dieser Vorstellung wird Audiodeskription angeboten.

Heinrich Düval, verheiratet mit Mariane und Vater des zwölfjährigen Sohnes Fränzchen, unterhält eine leidenschaftliche Liebesbeziehung zu Amalie, einer Freundin des Hauses. Als das Verhältnis vom Fürstenhof skandalisiert wird, gerät der Ehebrecher zunehmend unter Druck und auch für die beiden Frauen spitzt sich die Lage zu. Selbst ihre Solidarität untereinander bietet nur bedingten Schutz vor Düvals narzisstisch getönten Gefühlsausbrüchen.

Ein Mann zwischen zwei Frauen, Liebe, Eifersucht, hochfahrende Emotionen – in Christiane Karoline Schlegels bürgerlichem Trauerspiel von 1778 finden sich alle Merkmale des Genres und der Epoche. Die Parallelen zu den Stücken ihrer Zeitgenossen Lessing, Goethe und Schiller sind stellenweise frappant und doch ist ihre weibliche Perspektive auf das Geschehen und die Charaktere eine grundlegend andere.

Mit der Wiederentdeckung dieses Textes (schon zu Lebzeiten der Autorin als »für ein Frauenzimmer zu tragisch, auch zu unmoralisch« aus dem Kanon aussortiert) wird das über Jahrhunderte patriarchal geprägte Narra­tiv des Femizids subtil, aber entscheidend erweitert.

Regisseurin Anne Lenk lotet mit ihrem Team die Frage aus, welcher Raum »einem Frauenzimmer« zugestanden wird und warum die allgegenwärtige Auslöschung von Frauenleben so scheinbar zwangsläufig ist, wie es uns in tausendfacher Reproduzierung in Kunst, Literatur und Medien suggeriert wird.

Anne Lenk zählt zu den wichtigsten Regisseur:innen des deutschsprachigen Theaters und wurde mit ihren klugen Klassiker-Neuerkundungen mehrfach zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Zu ihrem festen künstlerischen Team gehören Judith Oswald und Sibylle Wallum, die in Deutschland zuletzt als Bühnen- beziehungsweise Kostümbildnerin des Jahres ausgezeichnet wurden und nun, ebenso wie Anne Lenk, das erste Mal am Schauspielhaus Graz arbeiten.


Dauer: ca. 1:40 Stunden, keine Pause


Mit Audiodeskription!

Zum vorläufig letzten Mal!

Premiere: 22.09.2023

Marielle Layher

Besetzung

Team

  • Regie
    Anne Lenk
  • Bühne
    Judith Oswald
  • Kostüme
    Sibylle Wallum
  • Musik
    Camill Jammal
  • Dramaturgie
    Andrea Vilter
  • Licht
    Thomas Bernhardt
  • Video
    Gerald Rotter

Trailer

Pressestimmen

„Da wurde ein Theaterstück ausgegraben, dessen Schöpferin Zeitgeist und archetypisches Verhalten zusammenbringt – und dies genau, ja brilliant-analytisch beobachtend aus „Frauenzimmer“-Perspektive. […] Regisseurin Anne Lenk und ihre Bühnenbildnerin Judith Oswald heben die Feingliedrigkeit der literarischen Vorlage heraus: In dem knallroten, nach hinten stark verjüngten Bühnen-Guckkasten werden die kurzen, oft nicht mal eine Minute dauernden Szenen durch scharfe Blackouts getrennt. […] Fein gearbeitet auch die ausschließlich lilafarbenen Kostüme (Sibylle Wallum): Angelehnt an Milieu und Entstehungszeit, sehen wir die Protagonisten dann „ganz privat“ und heutig leger, entkleidet also von allen Standessymbolen. Damit wird nochmal betont, dass hier Räume und Gewichte zwischen den Geschlechtern differenziert und bemerkenswert zeitlos verhandelt werden.“ Nachtkritik.de, Reinhard Kriechbaum, 23. September 2023

 

„Die neue Grazer Schauspielhaus-Intendantin Andrea Vilter, angetreten mit dem dezidierten Vorhaben, von Graz aus den klassischen deutschen Dramen-Kanon zu erweitern, hat mit Christiane Karoline Schlegels „Von einem Frauenzimmer“ am Freitag vor vollem Haus ihre erste Premiere bestritten. Durchaus glänzend. Das verdankt sich Regisseurin Anne Lenk, die aus Schlegels stellenweise recht sprödem Text eine Erzählung weit jenseits der Konventionen des bürgerlichen Trauerspiels destilliert. Hier geht es nicht um Tugend und Läuterung. Hier zeigt sich die Klassik als toxischer Boden. Lenk, bekannt dafür, mit den Fragen der Gegenwart die Literatur der Vergangenheit abzuklopfen, inszeniert das Stück als Tragödie der von patriarchalen Strukturen deformierten Geschlechterverhältnisse. […] Die Handlung ist robust, die Sprache deutlich, zumal in der streng verknappten Grazer Version. […] Im Schauspielhaus wird in dieses Gerüst ein Schaukasten männlichen Narzissmus und Machtgehabes gebaut; souverän versieht Neuzugang Simon Kirsch seine Figur mit dem Dauerlächeln des charmanten Soziopathen. Als seine Ehefrau zeigt die wie immer facettenreiche Sarah Sophia Meyer sublime Emotion, während Marielle Layher in ihrer ersten Grazer Rolle als Amalie gekonnt zwischen schwärmerischer Hingabe und jugendlichem Selbstbewusstsein oszilliert. Anna Klimovitskaya als verstörtes Kind, Annette Holzmann und Zeljko Marovic´ als wohlmeinende Ratgeber komplettieren die exquisite Besetzung der gelungenen Einstandsinszenierung, die auch visuell besticht.“ Kleine Zeitung, Ute Baumhackl, 24. September 2023

 

„Anne Lenk inszeniert „Von einem Frauenzimmer“ in einer blutroten Einbauküche (Bühne: Judith Oswald), in der die fliederfarbenen kostümierten Schauspielerinnen und Schauspieler wie überdimensionale Marionetten wirken; harte Blacks zwischen den kurzen Szenen zerhacken den Spielfluss. All diese szenischen Mittel schaffen in den 100 dichten Minuten eine künstliche Atmosphäre und schärfen den Blick auf das Geschehen. Wie unter der Lupe sehen wir die demütigende Situation der betrogenen Ehefrau (Sarah Sophia Meyer), die gemischten Gefühle der verunsicherten Geliebten (Marielle Layher) und den exzessiven Narzissmus von Düval (Simon Kirsch), der auch in großen Körperverrenkungen zum Ausdruck kommt. […] Dass auch das Kind mitgedacht wird, ist ein weiteres Beispiel dafür, wie hier ein neuer Blick auf ein altes Genre geworfen wird.“ Wolfgang Kralicek, Süddeutsche Zeitung, 29. September 2023

 

„Regisseurin Anne Lenk unterbricht die Szenen immer wieder durch Black-outs, die von unheilschwangeren Klängen untermalt werden. Das Trauerspiel wird so zu einer Art Spielfilm, in den sich mehr und mehr Irritationen einschleichen. […] Dass Schlegel die sich quälend langsam ankündigende Bluttat als Folge von patriarchaler Gewalt und Unterdrückung erzählt, macht diesen Text auch in der Jetztzeit interessant. […] Und einen Moment lang sind alle Bühnenakteurinnen Femizidopfer. Die Spirale der (männlichen) Gewalt dreht sich unaufhörlich. Ein gelungener Auftakt.“ Salzburger Nachrichten, Martin Behr, 25. September 2023

 

„Anne Lenk inszeniert Von einem Frauenzimmer in der stylischen blutroten Designerküche von Judith Oswald. Helllila changieren die Kostüme von Sibylle Wallum zwischen Reifrock und Jogginghose. […] Regisseurin Anne Lenk lässt das Geschehen in konsequenter Unerbittlichkeit ablaufen. Sie bleibt – vernünftig bei einem Stück, das niemand kennt – eng am Originaltext aus 1778. Schlegels Sprache ist schnörkellos, jeder Satz treibt sturm-und-drangmäßig die Handlung voran. […] In Summe: Eine packende Produktion.Derstandard.at / drehpunktkultur.at, Heidemarie Klabacher, 24. September 2023

 

„Judith Oswalds enger roter Bühnenraum betont die schwelende Aggression, das sanfte Lila der Kostüme (Sibylle Wallum) wirkt da wenig beruhigend. Auch die harten Blackouts und der beklemmende Sound (Camill Jammal) beschleunigen die Spirale der Gewalt. In der dreht sich das Ensemble mit Verve. Allen voran die Protagonisten des Liebesdreiecks: Sarah Sophia Meyer als betrogene Ehefrau, die in jedem Moment Größe zeigt, Marielle Layher, die gekonnt zwischen naiver Hingabe und selbstbewusster Jugend changiert, sowie Simon Kirsch, der dem gefährlichen Psychopathen im Laufe des Abends immer mehr Raum gewährt. Anna Klimovitskaya als verunsicherter Sohn, sowie Annette Holzmann und Željko Marović als Ratgeber setzen starke Akzente. Ein Abend voller Entdeckungen und Versprechungen, den man sich nicht entgehen lassen sollte – bitte mehr davon!“ Kronen Zeitung, Michaela Reichart, 25. September 2023

 

„Die fast durchwegs neuen Ensemblemitglieder setzen den Text erfreulich präzise um, ohne ihn ins Lächerliche zu ziehen und zeigen damit die Sprengkraft, die Sätze wie „Du bist mein“ vor dem Kontext der Frauenmorde aus Eifersucht in jüngster Zeit haben. Simon Kirsch zeigte einen dynamischen, selbstverliebten und egoistischen Baron, der so lange charmant zu den Frauen ist, so lange sie seinem Willen folgen. Als seine Ehefrau ließ Sarah Sophia Meyer bei allem Edelmut auch immer wieder die Verzweiflung über den untreuen Gemahl durchschimmern. Eine frische, lebendige und so gar nicht todessüchtige Amalia stellte Marielle Layher auf die Bühne, Željko Marović (Graf von Sternfeld) versuchte als wohlmeinender Freund den Baron vor dem Unglück zu bewahren, und Annette Holzmann (Frau von Doenberg) ist eine mondän-besorgte Freundin. […] Ein Abend, der sowohl vom Text als auch der gesellschaftspolitisch relevanten Umsetzung in spannender Ästhetik Lust auf mehr Aufführungen des neuen Schauspielhaus-Teams macht.“ APA, Karin Zehetleitner, 23. September 2023

 

„Die Darsteller haben reichlich Gelegenheit, Charakter zu entwickeln. Meyer spielt die Betrogene, die um Fassung ringt, die sich arrangieren will, mit Eleganz und viel Gefühl dafür, die veraltete Sprache verständlich zu machen. Kirsch gelingt es, einen Kotzbrocken von Dekadenz ungestüm und doch berechnend darzustellen, cholerisch, wiewohl voller Selbstmitleid. Layher spielt die junge Geliebte voller Herzblut und sogar mit ziemlich viel Witz. Holzmann und Marović verstehen es gut, das höfische Getue assistierend bloßzustellen. Eine wunderbare Rolle füllt Klimovitskaya mit Leben. […] Der Text, bis auf Einsprengsel das empfindsame Original, ist zwar recht sperrig. Aber unter der Regie von Anne Lenk, mit einem erfrischend direkt spielenden Ensemble, entsteht befremdlich Schönes.“ Die Presse, Norbert Mayer, 26. September 2023